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2001/2002
Jahresbericht der Außenstelle Kairo
Alexander Haridi

 


 

Kairo

In der Rückschau auf das Jahr 2001 ist die Versuchung groß, die zweite Jahreshälfte am 11. September beginnen zu lassen, so bewegend und so dicht waren das unerhörte Ereignis und seine Folgen in der Welt. Eine nüchterne, regionale Betrachtung zeigt aber für Ägypten, daß sich hier nichts wesentlich geändert hat. Nur treten manche Entwicklungen nun noch deutlicher zutage als zuvor. Der vorherrschende Eindruck in allen Bereichen der ägyptischen Politik, und das gilt auch für die uns hier besonders interessierende Bildungspolitik, ist der von Unbeweglichkeit und Stillstand. Das intellektuelle und kulturelle Klima insgesamt war bedrückt und wurde durch repressive Maßnahmen der Regierung weiter beeinträchtigt. Für die ägyptisch-deutschen Beziehungen war das Jahr dennoch positiv. Die Kontinuität der akademischen Beziehungen und das Projekt der German University in Cairo geben Anlaß zur Freude und Hoffnung für die Zukunft.

Stagnation allenthalben

Dabei hatte das Jahr 2001 so dynamisch begonnen. Am 1. Januar 2001 wurde das Undenkbare wahr: Eine neue Straßenverkehrsordnung trat in Kraft und machte das Tragen eines Gurtes bzw. eines Helmes zur Pflicht. Das Unvorstellbare liegt dabei wohlbemerkt nicht in der Einführung des Gesetzes, tausend andere schreiben unbeschadet der Wirklichkeit dies und das vor. Das Unglaubliche ist, daß es der Polizei gelang, die Befolgung der Vorschrift bei den wohl regelresistentesten Autofahrern der Welt durchzusetzen. Die Polizei schaffte dies erstens, weil sie sowieso überall präsent ist, und zweitens durch das Instrument saftiger Ordnungsstrafen. Bei genauerem Hinschauen aber offenbart sich, daß viele den Gurt nur zum Schein tragen. So ist das Ende locker um den Schalthebel gewickelt, oder der angebliche Gurt in Wirklichkeit ein Hosengummi. Zum Schluß sind also alle auf ihre Kosten gekommen: Die Autofahrer sitzen weiter bequem, der Staat hat gut verdient und die Polizei hat ihrer Autorität neuen Ausdruck verliehen. Mit der Statistik, die den Rückgang der Unfalltoten nach Einführung des Gurtes belegen muß, wird man auch noch fertig werden....
Diese Anekdote steht stellvertretend für die Schwierigkeit, Politik positiv zu gestalten. Der Staat kann dekretieren, kontrollieren, er kann bestrafen, aber es fällt ihnen schwer, wirkliche Veränderungen herbeizuführen. Dazu fehlt es an Mechanismen zur politischen Willensbildung und an der Mitwirkung der Bevölkerung und auch an Ressourcen.

Nicht daß der ägyptische Staat keine Einkünfte hätte, wenn auch eine starke Rezession und große Einbußen im Tourismusgeschäft und den Durchfahrtzöllen im Suez-Kanal nach dem 11. September das Staatseinkommen verminderten. Problematisch ist die Abwesenheit von Reformen. Alle Mittel gehen in die Aufrechterhaltung des status quo. Diesen zu verändern kann politische Proteste hervorrufen, welche das Regime unbedingt vermeiden möchte. Innenpolitisch geht es also um das Halten einer Balance zwischen den Ansprüchen verschiedener Interessengruppen - nicht hingegen um einen wirklichen Ausgleich. Repressive Maßnahmen hinzugenommen, tritt dann ein Zustand von Lähmung ein.

Repression lähmt

Die Repression zu spüren bekamen zunächst die politischen Kräfte, die nicht den status quo verteidigen, sondern Veränderungen erreichen wollen. Dies sind zum einen die Anhänger des politischen Islam, zum anderen die Verfechter liberaler Freiheiten.

Aufsehen erregte der Prozeß gegen den international renommierten Soziologie-Professor Dr. Saad Ed-Din Ibrahim. Ibrahim unterrichtet an der American University in Cairo, berät arabische Regierungen (auch die ägyptische) und ist bekannt als Vorkämpfer für bürgerliche Freiheiten in Ägypten. In dem von ihm geleiteten "Ibn Khaldun"-Institut in Kairo werden Studien und Aufklärungskampagnen durchgeführt.

Die rote Linie überschritten hatte Ibrahim wohl mit seinem Vorhaben, die Parlamentswahlen 2000 durch Mitarbeiter seines Instituts beobachten zu lassen. Ibrahim wurde im Juni 2000 verhaftet und das Ibn Khaldun-Zentrum geschlossen. Wegen "Diffamierung Ägyptens" und unerlaubter Annahme ausländischer Gelder (es handelt sich um Projektgelder der Europäischen Union!) wurde Ibrahim am 21. Mai 2001 vom Obersten Staatssicherheitsgericht zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Weitere 27 Mitarbeiter des Zentrums erhielten Gefängnisstrafen zwischen zwölf Monaten und fünf Jahren. Ibrahim hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Bis zum Ende des Jahres blieb er aber in Gefängnishaft, die Interventionen zahlreicher Menschenrechtsorganisationen und westlicher Regierungen (Ibrahim besitzt auch die amerikanische Staatsbürgerschaft) blieben ohne Erfolg.
Am anderen Ende des politischen Spektrums wurden wie jedes Jahr wieder Angehörige der verbotenen Muslimbruderschaft verhaftet und zu Haftstrafen verurteilt. Im November ereilte dieses Schicksal auch einige Hochschullehrer. Professoren aus den Universitäten Assiut, Ain Shams und Zaqaziq wurden in Haft genommen. Weitere 94 Mitglieder der Muslimbruderschaft wurden von einem Militärgericht abgeurteilt; eine Gruppe von 23 Homosexuellen zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die Militärgerichtsbarkeit läßt ein Berufungsverfahren nicht zu. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Ausschaltung der zivilen Gerichtsbarkeit.

Cairo Times: Einen Voltaire sperrt man hier ins Gefängnis

Politische Beobachter sehen in der Verbindung der Repression gegen Islamisten, Säkularisten und soziale Randgruppen wie Homosexuelle die Absicht des Regimes, politische Opponenten zu marginalisieren und gleichzeitig konservative Kreise zu bedienen. Nach dem 11. September sind die Proteste westlicher Regierungen gegen solche Praktiken sehr leise geworden.

Da sie sich im formellen politischen System, also in den Parteien und im Parlament, nicht wirklich artikulieren können, messen das liberale und das islamistische Lager ihre Kräfte auf dem Feld der Kultur. Wo immer es geht, konstruieren die Islamisten einen "Skandal", anhand dessen sie dann die "Verderbtheit" des Regimes und der "Säkularisten" vorführen können. Um sich aber nicht vorführen zu lassen, geht das Regime in die Offensive. Heraus kommen dann zum Beispiel das Verbot von Romanen durch den eigentlich dem liberalen Lager angehörenden Kulturminister Faruq Husni. Dieser gab kurz vor der Eröffnung der Internationalen Buchmesse Kairo im Februar bekannt, daß eine Reihe von modernen Romanen sowie Neuauflagen von Klassikern (1001 Nacht und die Weingedichte im "Diwan" des Abu Nawwas) wegen angeblicher pornographischer Szenen aus dem staatlichen Verlagsangebot genommen werden sollten. Direkter Hintergrund für diese Maßnahme waren die heftigen Proteste, die der Nachdruck eines Romans des syrischen Autors Haidar Haidar im Vorjahr ausgelöst hatte. Der islamistischen Denunziation zuvorkommend, erwirkte der Kulturminister nun selbst das Verbot und erstickte die wohlfeile Kritik reaktionärer Kreise im Keim. Dafür aber zog er sich die Wut seiner eigentlichen Verbündeten, der liberal-säkularistischen Intellektuellen und Künstlern zu, die den Kultusminister nun als Vollstrecker der Islamisten kritisierten.

Die feministische Schriftstellerin Nawal Al Sa'dawi war das Ziel eines islamistischen Angriffes. Analog zu vorangegangen Fällen beantragte ein Rechtsanwalt bei einem Gericht die Ehe der Schriftstellerin (gegen ihren Willen) zu scheiden. Argumentation: In ihren Schriften beleidige sie den Islam, sei folglich "Ungläubige" - Ehen von "Ungläubigen" mit Muslimen sind aber unzulässig. Das islamische Recht ermöglicht eine solche Eingabe über eine Rechtsfigur, die als "Hisba" bekannt ist: Die Hisba öffnet der bigotten Denunziaton Tür und Tor. Sie ermöglicht unbeteiligten Dritten in das Privatleben mißliebiger Personen über den Weg des Justizsystems einzudringen.

Cairo Times: Nawal Saadawi und ungeschiedener Ehemann

Der bekannteste und mit Erfolg gekrönte Fall einer solchen Anzeige ist der des Professors an der Cairo University Naser Hamed Abu Zeid, der den Koran aus literaturwissenschaftlicher Perspektive untersucht hatte. Dem Gesuch eines Anwaltes, die Ehe Zeids zu scheiden, gab das Gericht damals statt! Zeid war gezwungen, zu emigrieren. Nach Aufenthalten in Deutschland lebt und lehrt er heute in Leiden (NL). Anders als bei Zeid lehnte das ägyptische Gericht im Falle von Sa'dawi die Eingabe des Rechtsanwaltes aber ab. Nicht allerdings, weil das Institut der "Hisba" ganz abgeschafft worden wäre. Vielmehr ist es nach einer Gesetzesänderung nun dem Staatsanwalt vorbehalten, eine solche Klage anzustrengen. Der Staat will sich offenbar das Mittel der "moralischen" Repression vorbehalten - dabei muß er abwägen zwischen einer möglichst "gemäßigten" Außendarstellung gegenüber westlichen Partnern und Geldgebern einerseits. Andererseits muß er sich gegen den islamistischen Vorwurf wehren, ein "gottloser" Staat zu sein. Es bleibt der Eindruck, daß eine Politik der Moral den Mangel an Moral in der Politik überdecken soll.

Stagnationauch in den Hochschulen

Die Hochschulen und Forschungszentren sind Teil des staatlichen Sektors. Zwar sind nach einer teilweisen Liberalisierung des Hochschulbildungsbereichs nun auch fünf Privatuniversitäten Bildungsanbieter, der überragende Teil der Studierenden wird aber weiterhin an den dreizehn staatlichen Hochschulen ausgebildet. Forschung findet an den Privatuniversitäten (mit Ausnahme der American University in Cairo) nicht statt.

Trotz des für ein Schwellenland beachtlichen Budgets von 4,250 Millionen Ägyptischen Pfund (ca. 1,2 Mrd. Euro) sind die Universitäten stark unterfinanziert und in den meisten Bereichen hoffnungslos überlastet. Schwerfällige Verwaltungsstrukturen, mangelnde Autonomie und das dominante Anciennietätsdenken behindern die Entfaltung einer leistungsorientierten Hochschullandschaft. Die schlechte Bezahlung der Hochschullehrer drängt viele zu Nebentätigkeiten außerhalb der Hochschule, was Energien bindet. Schädlicher noch sind Praktiken der Erhöhung der Einkünfte durch den quasi zwangsweisen Verkauf der eigenen, oft veralteten Bücher (die ganze Auflage muß raus) an die Studierenden und der allgegenwärtige Privatunterricht. In der Realität ist das Recht auf kostenlose Hochschulbildung, eine republikanische Errungenschaft in Ägypten, längst ausgehöhlt. Dennoch bleibt die schiere Zahl der Studierenden, die das staatliche Hochschulsystem bis zum Studienabschluß bringt, beeindruckend. Dies geschieht aber unter den gegebenen Bedingungen auf dem Rücken der Lehrenden und Studierenden. Wo der zahlenmäßige Output das Hauptkriterium des Systemerfolgs ist, bleibt die Qualität der Ausbildung oft auf der Strecke. Trotzdem gehen aus diesem System immer wieder ehrgeizige und kompetente junge Menschen hervor, die sich z.B. als DAAD-Stipendiaten unter deutschen Arbeitsbedingungen die Anerkennung ihrer Betreuer erwerben. Für die Außenstelle des DAAD ergibt sich daraus die arbeitsintensive Aufgabe, aus der "Masse" die "Klasse" herauszusieben.

Nun ist es nicht so, daß die Mißstände nicht bekannt wären. Hochschul- und Forschungsminister Moufid Shehab hatte Ende 1998 eine nationale Kommission mit dem Auftrag eingesetzt, ein Konzept zur Reform des Hochschulwesens auszuarbeiten. Die Oberziele einer solchen Reform sind Qualitätssicherung und die Diversifizierung der Finanzquellen. Die Ergebnisse und Empfehlungen zur Reform liegen längst vor. Die Umsetzung hingegen läßt weiter auf sich warten.

Da eine grundlegende Reform Besitzstände berührt und so politischen Protest generieren muß, aber eben dieser unter allen Umständen vermieden werden soll, ist auch in naher Zukunft nicht mit einer Umstrukturierung des Hochschulbereichs zu rechnen.

Ägypten nach dem 11. September

Wir sehen nicht die gleichen Bilder, und die gleichen sehen wir anders

Nur scheinbar sahen die Menschen auf den Fernsehschirmen dieser Welt am 11. September dieselben Bilder. Während die meisten Menschen in den Ländern des Westens sich in die tausendfache Tragödie unschuldiger Menschen hineindachten, die sich im Innern der Türme ereignete, sah die Mehrheit der Ägypter in den beiden Türmen Symbole der Unangreifbarkeit und des Hochmuts der verbliebenen, einzigen Weltmacht in sich zusammenfallen. Die "Arroganz" der Vereinigten Staaten, die gleichzeitig der wichtigste Verbündete Ägyptens sind, wird hier täglich stellvertretend an dem Unrecht erlebt, das den Palästinensern widerfährt.

Karikatur der Cairo Time

Die Bilder der israelischen Bulldozer, die die Felder und Häuser von Palästinensern, also ihre Existenz, zerstören, die Aufnahmen der toten Männer, Frauen und Kinder, die praktisch jeden Tag zu beklagen sind, die Schlagstöcke und Gummigeschosse, die auf Unbewaffnete niederprasseln, bekommt der westliche Fernsehzuschauer nur in homöopathischen Dosen zu sehen. Die staatlichen Sender und die arabischen Satellitenkanäle berichten hingegen ausführlich darüber. Insofern ist unabhängig von der Frage der Identifikation mit den Opfern die bloße Wahrnehmung des Konfliktes im westlichen und im arabischen öffentlichen Bewußtsein verschieden.

Israel könnte sich ohne die massive militärische, wirtschaftliche und politische Unterstützung der USA nicht halten, ist man der Ansicht, und es wird den USA angelastet, im Sicherheitsrat jedes Vorgehen der Völkergemeinschaft gegen Israel zu blockieren. Damit ist die Regierung der Vereinigten Staaten in den Augen der einfachen und auch der gebildeten Araber mittelbar verantwortlich für die Unterdrückung des arabischen Volkes der Palästinenser. Vor diesem Hintergrund wirkt der amerikanische Diskurs über Menschenrechte, eine gerechte Weltordnung oder Demokratie als heuchlerisch. Die Rechtfertigung israelischer Gewalt als "Selbstverteidigung" durch die amerikanische Regierung erscheint als zynisch. Der Westen messe mit zweierlei Maß ist deshalb der mildeste der Vorwürfe, die in der arabischen und muslimischen Welt erhoben werden.

Eure Toten und unsere Toten

Es ist bitter aber wohl leider wahr: Während die meisten Menschen im Westen nicht an den Toten in Palästina leiden, litten die meistens Menschen in der arabischen Welt nicht an den Toten in New York. "Ja, es ist schlimm, aber in Palästina..." war eine typische Reaktion in den ersten Tagen nach dem 11. September, die verriet, daß das Ereignis nicht an sich gefühlt wurde, sondern erst vor der Folie des Nahostkonflikts Bedeutung gewann. Einige Tage später überschrieb der Leitartikler einer großen ägyptischen Tageszeitung seinen Kommentar mit "Jetzt bloß keine Schadenfreude" und leitete damit die zweite, vorsichtigere Phase ein. Es zeichnete sich nun ab, daß die arabische Welt an den Folgen des 11. Septembers zu leiden haben würde und daß es jetzt darauf ankam, reiche und mächtige Freunde nicht zu verprellen und sich aus der Schußlinie zu entfernen. Die Äußerungen gegenüber Ausländern wurden nun vorsichtiger, Vertreter des Staates und des offiziellen Islam verurteilten die Attentate als unmenschlich, und vor allem als unvereinbar mit dem Islam. In der Bevölkerung dominierten aber weiterhin Ansichten, die die Täterschaft der arabischen Verdächtigten in Frage stellten und ein Komplott des israelischen Geheimdienstes für den wahren Hintergrund der Attentate hielten. Zwar nicht ohne Selbstironie, aber doch in der Sache zu simpel war das Argument, die Anschläge könnten gar nicht von Arabern verübt worden seien, da sie präzise geplant und diszipliniert durchgeführt worden seien... Auch andere Erklärungen aus dem Reiche der Verschwörungstheorien hatten Konjunktur. Spätestens mit dem Einsatz amerikanischer Truppen in Afghanistan griffen die hergebrachten Erklärungsmuster wieder: Der Westen bombardiere die unschuldige Zivilbevölkerung in Afghanistan. Er verkenne das wahre Wesen des Islam, der in Wirklichkeit eine friedliebende und tolerante Religion sei. Die Menschen in Ägypten empfinden den Ausschnitt der Wirklichkeit, die im Westen das Bild von der islamischen Welt prägen, als unrepräsentativ. Sie fühlen sich verzerrt wahrgenommen.

Die islamische Welt sieht sich weiterhin als Opfer, nicht als Täter, sowie sie sich auch sonst nicht als Akteur, sondern als Objekt des Weltgeschehens erlebt. Darunter leidet sie um so mehr, als sie die Weltgeschichte in früheren Zeiten einmal maßgeblich mitbestimmt hatte. Die innerislamische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Gewalt, die sich auf den Islam beruft, bleibt schwach und produziert eher Konfusion denn Klarheit. In der Rebellion gegen erlebtes Unrecht in den eigenen Gesellschaften und gegen Israel bleibt der Bezug auf die Religion eine sinnhafte und kommunizierbare Legitimation des gewaltsamen Widerstandes.

Gegen diese Situation mit dem Mittel des "Kulturdialogs" angehen zu wollen, ist gut gemeint, aber wahrscheinlich vergeblich. Jedenfalls bleibt jede weitergehende Verständigung unmöglich, solange das Erlebnis der Unterdrückung und des Unrechts durch Israel und die Vereinigten Staaten im Nahen Osten nicht ernstgenommen und zum Gegenstand des Gesprächs erhoben werden. In Deutschland, so stellte es sich zumindest aus der Außensicht dar, galt der "Dialog der Kulturen" in den Monaten nach den Anschlägen als das Zaubermittel, ohne daß jedoch ein tieferes Nachdenken darüber stattgefunden hatte, wer denn der richtige Gesprächspartner sei, unter welchen Voraussetzungen der Dialog geführt werden solle und welche Themen auf der Agenda stehen. Aber auch in Deutschland hatte die Begeisterung für den kulturellen Dialog und die Bereitschaft der Politiker, diesen auch finanziell zu unterstützen, zum Ende des Jahres deutlich abgenommen.

Auswirkungen auf den akademischen Austausch

Araber in den USA und auch in Europa zu sein, ist nach dem 11. September 2001 nicht leichter geworden. Die Verunsicherung darüber, wie man als ägyptisch-arabischer Studierender oder Wissenschaftler in den USA und Europa, und für uns entscheidend: in Deutschland, aufgenommen werde, war und ist weiter erheblich. Dies spiegelte sich deutlich in den Bewerbungen für die DAAD-Jahresstipendien wider, die im Herbst 2001 ausgeschrieben wurden. Hatten sich im Vorjahr noch etwa 700 Doktoranden nominieren lassen, waren es 2002 nur 500. Bei rund 20 Stipendien bleibt die Selektion aber weiterhin gewährleistet. Die Rückmeldungen ägyptischer DAAD-Stipendiaten in Deutschland ergeben ein gemischtes Bild: Einige berichten von großen Problemen bei der Wohnungssuche und in den Ausländerämtern. An den Universitäten wird ein gestiegenes Interesse an den politischen Verhältnissen im Mittleren Osten und an Religion und Kultur des Islam vermerkt. Selbstbewußte, diskussionserfahrene und gut deutsch sprechende Stipendiaten nutzten das Interesse ihrer Kommilitonen, um ihre Perspektive darzulegen. Andere, die sich weniger sicher sind, zogen sich zurück und litten darunter, "schief" angeschaut zu werden, pauschal wegen ihrer arabischen Herkunft verurteilt zu werden, wie sie es empfanden.

Während sich die Situation für arabische Studierende in Deutschland vor allem atmosphärisch verschlechterte, spitzte sie sich in den USA objektiv dramatisch zu. Um die tausend Personen arabischer Herkunft wurden dort in Untersuchungshaft genommen, Studenten nahöstlicher Herkunft systematisch von den Behörden "interviewt". Die Lebens- und Arbeitsbedingungen haben sich derart verschlechtert, daß viele arabische Wissenschaftler ihren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten abbrachen. Regierungsstipendiaten aus Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten wurden nach Hause zurückberufen. Die Einführung scharfer Einreisebestimmungen führte dazu, daß das ägyptische Hochschulministerium die Neuentsendung ägyptischer Wissenschaftler de facto suspendierte. Dies ist insofern dramatisch, als sich vor dem 11. September rund 1.200 ägyptische Stipendiaten in den USA aufhielten. Deutschland ist mit rund 550 Entsandten das zweitgrößte Gastland für ägyptische Doktoranden und Wissenschaftler.

Im umgekehrter Richtung haben sich die Ereignisse des September nur unwesentlich im akademischen Austausch niedergeschlagen. Zwar annullierten oder verschoben einige deutsche Hochschullehrer Besuchsreisen nach Ägypten. Doch war die Zahl deutscher Studierender in Ägypten höher als in den Vorjahren. Neben den elf Teilnehmern am Arabischkurs der Cairo University hielten sich zehn weitere Studierende an ägyptischen Universitäten zum Studium auf. Diese Studenten nahmen dafür einen Studiengebührenerlaß und ein Stipendium durch das ägyptische Hochschulministerium in Anspruch. Niemand brach den Aufenthalt in Ägypten vorzeitig ab. Es hätte auch keinen Grund dafür gegeben, werden Ausländer doch weiterhin in Ägypten freundlich aufgenommen.

Der große Lichtblick: Die "deutsche Universität" in Kairo

Daß trotz der politischen Weltlage und der Stagnation in Ägypten das Jahr für die deutsch-ägyptische akademische community voller Hoffnung ausklang, ist der "German University in Cairo", kurz GUC, zu verdanken.

Diese Universität ist strenggenommen gar keine deutsche, denn die Investoren sind allesamt Ägypter. Außerdem wird die Hochschule nach ägyptischem Recht gegründet und untersteht der Fachaufsicht des ägyptischen Hochschulministeriums. Deutsch wird auch nicht Unterrichtssprache sein, haben die Initiatoren doch die strategisch richtige Entscheidung getroffen, sich einem breiten Interessentenkreis in Ägypten und der Region zu öffnen und so den Schwerpunkt auf die Qualität der Studierenden, und nicht deren Deutschkenntnisse zu legen.

Deutsche Delegation bei ägyptischem Hochschulminister
   
  Dr. Mansour auf dem Gelände der GUC

Deutsch an diesem Projekt sind vor allem die Partner, nämlich die Universitäten Ulm und Stuttgart. Diese steuern nicht nur die Curricula bei, sondern vergeben auch ihre Studienabschlüsse und verbürgen sich damit für die Qualität der Ausbildung an der GUC. Rund 50% der Lehrenden sollen in deutschen Hochschulen rekrutiert werden, die Universitäten Ulm und Stuttgart organisieren deren Vermittlung. Die deutsche Botschaft in Kairo, das Wissenschaftsministerium in Stuttgart und die Deutsch-Arabische Industrie- und Handelskammer in Ägypten unterstützen das Projekt nach allen Kräften.

Der DAAD schließlich hat die GUC nicht nur konzeptionell und politisch beraten, sondern engagiert sich auch finanziell mit 1,2 Millionen DM aus Mitteln der Zukunftsinitiative des BMBF. Aus diesem Budget finanzieren die deutschen Partnerhochschulen ihren Aufwand zur Beratung, Schulung und Koordination der GUC.

Dr.Ashraf Mansour spricht zur GUC-Grundsteinlegung

War das Projekt einer deutschen Universität in Kairo im Dezember 2000 noch eine bloße Idee (siehe Jahresbericht 2000/01), so konnte am 21. Oktober 2001 in Kairo bereits der Grundstein für den Bau der Hochschule gelegt werden.
Die Anwesenheit des ägyptischen Premierministers und des Ministers für Hochschulwesen und Forschung auf der ägyptischen Seite, und des Leiters der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt, des DAAD-Generalsekretärs und eines Staatssekretärs des baden-württembergischen Ministeriums für Wissenschaft demonstrierten die breite politische Unterstützung für das Projekt.
Für den Herbst 2003 ist die Eröffnung der ersten Fakultät geplant. Konkreter und zukunftsträchtiger, kurz: überzeugender hätte das deutsche Engagement für eine konstruktive Zusammenarbeit mit Ägypten nicht demonstriert werden können.

Ansprache DAAD-Generalsekretär Dr. Christian Bode

Aus der Arbeit der Außenstelle

Keine ausländische Förderorganisation vergibt so viele Stipendien in Ägypten wie der DAAD. Angesichts von ca. 1.800.000 Studierenden in Ägypten können die 185 vergebenen Stipendien aber nur Wenige glücklich machen. Aufgrund seiner Bekanntheit und des Netzwerkes von rund 4.000 Alumni erreichten die Außenstelle mehrere tausend Anfragen. Diese werden individuell beantwortet, was den Mitarbeiterinnen der Außenstelle eine enorme Arbeitsleistung abverlangt. Die Beratungsleistung der Außenstelle, die Qualität der Auswahlentscheidungen und die gute Betreuung der Stipendiaten in Deutschland und der Alumni in Ägypten finden allgemeine Anerkennung. Verständlicherweise sind die zu vergebenden Stipendien aber immer zu wenige und der Wunsch nach einer Erhöhung der Stipendien deshalb immer präsent.

Doktorandenvorauswahl in Kairo
   
  Germanistinnen in der Azhar-Universität

Ebenso beachtlich wie im Stipendienbereich ist das Engagement des DAAD in den Abteilungen für Germanistik an den ägyptischen Universitäten. Mit insgesamt fünf ständigen Lektoraten braucht das deutsche Engagement auch in diesem Bereich den Vergleich mit anderen Ländern nicht zu scheuen.
Die Lektorinnen und Lektoren sind nicht nur Säulen des Lehrbetriebs in ihren Abteilungen, sondern bieten über die Universitäten hinaus Foren für die Interessen der Germanisten. Der jährlich veranstaltete "Alexandriner Sommerkurs", zu dem Referenten aus Deutschland eingeladen werden, ist ein wissenschaftlicher Höhepunkt für die Germanistik in Ägypten.

Auch in der Vorbereitung auf den Studienaufenthalt in Deutschland setzt der DAAD in Ägypten Maßstäbe. Die Jahresstipendiaten werden vor ihrer Ausreise zwei Monate lang intensiv geschult. Neben einem Sprachintensivkurs bereitet die Außenstelle die Stipendiaten auch auf die kulturellen und hochschultechnischen Aspekte ihres Deutschlandaufenthaltes vor.

Deutschland kennenlernen vor der Ausreise
   
  Sommerkurs in Alexandria für Germanisten

Wenn die Doktoranden dann ihre vier- bis sechsmonatige Sprachausbildung in Deutschland antreten, bringen sie schon ein sprachliches und interkulturelles Grundwissen mit. Diese Vorbereitung trägt wesentlich dazu bei, daß der Aufenthalt positiv beginnt und das Einleben leicht fällt. Ein guter Einstieg in die neue Situation entschärft so manches potentielles Problem und erhöht die Wahrscheinlichkeit, daß der Aufenthalt in Deutschland erfolgreich verläuft.

Kulturveranstaltungen in der Außenstelle Kairo

Die Außenstelle gehört zu den Gewinnern der deutschen Einheit, ist sie doch in der ehemaligen Residenz des DDR-Botschafters im zentralen und grünen Stadtteil Zamalek untergebracht...
In dieser zwar mit etwas Patina belegten, aber großzügig geschnittenen Villa ist Platz für Gäste und Kultur. Drei neu renovierte Gästezimmer stehen Besuchern aus Deutschland zur Verfügung. Ein großer Veranstaltungsraum bietet Platz für Vorträge, Ausstellungen und Empfänge. Auf der Homepage der Außenstelle sind alle Ereignisse dokumentiert.

Wie ein Leitmotiv zieht sich die Frage der Kommunikation zwischen den Kulturen durch die Veranstaltungen, die in der Außenstelle abgehalten werden. Fruchtbar zu diskutieren wird dieses Thema, so die Erfahrung vor Ort, aber erst in konkreten, fachbezogenen Fragestellungen. Den Auftakt machte 2001 ein Workshop über die "Übersetzung und ihr Markt", der im Zusammenhang mit einer größeren Reihe von Veranstaltungen anläßlich der Internationalen Buchmesse in Kairo organisiert wurde. Jüngere ägyptische Übersetzer aus den germanistischen Abteilungen diskutierten hier mit Vertretern deutscher Verlage und Förderorganisationen über die ökonomischen Rahmenbedingungen der Übersetzung von Fachtexten und Belletristik aus dem Deutschen ins Arabische.


Der Leipziger Schriftsteller syrischer Herkunft Adel Karasholi las im Februar aus seinem Werk vor. "Daheim in der Fremde"- fühlt sich der Dichter und Essayist Adel Karasholi in Leipzig. Er schreibt auf deutsch und auf arabisch. Aber nicht er wählt die Sprache, die Sprache wählt ihn, sagt er. "Ein Einfall ist da - deutsch oder arabisch. In seiner Sprache entsteht das Gedicht."Das Thema des literarischen Schreibens in einer "neuen" Muttersprache beleuchtete dann im Mai die die ägyptische Literaturwissenschaftlerin Iman Khalil, die an der University of Missouri in Kansas City deutsche Literaturwissenschaft unterrichtet. Sie berichtete über arabische Migrantenautoren, die in deutscher Sprache schreiben.

Über den "kulturellen Apparat" als Voraussetzung für das Verstehen im interkulturellen Zusammenhang referierte der Hamburger Linguist Jochen Rehbein. Prof. Dr. Jochen Rehbein gehört zu den Germanisten, die das Paradigma der "Interkulturalität" in die Linguistik und Sprachlehrforschung eingeführt haben.

Dr. Patrick Franke vom Orientalischen Seminar der Universität Halle hielt einen Vortrag über die Bau- und Sozialgeschichte Kairos im 19. Jahrhundert.
Ein Großereignis war dann im Herbst die Konferenz der Alexander von Humboldt-Stiftung im Kairoer Hotel Conrad. Über 300 Humboldtianer aus Ägypten und Ostafrika kamen zu einem Colloquium mit den Mitarbeitern der Humboldt-Stiftung und einer Gruppe eminenter deutscher Professoren zusammen.

Rektor Uni Karlsruhe Prof. Wuttig und Avh-Alumnus

In der Rückschau war das Jahr 2001 in Ägypten für die deutsch-ägyptische scientific community ein belebtes und letztlich positives Jahr. Trotz schwieriger internationaler und nationaler Rahmenbedingungen dominierten die Elemente der Kooperation und der Verständigung. Dies ist der Kontinuität des ägyptischen und deutschen Engagements für die gemeinsamen Kulturbeziehungen zu verdanken.