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Zwischen Politik und Philosophie
Interview mit dem DAAD-Alumnus
und Minister für religiöse Stiftungen, Prof. Dr. Mahmoud
Hamdi Zakzouk
Herr
Minister Zakzouk, wie entstand Ihr Interesse für Deutschland?
Mein erstes Interesse für Deutschland entwickelte sich
während meines Studiums der Arabischen Philologie an der Al-Azhar
Universität. Dort hatte ich einen Professor namens Bahay. Bei
ihm besuchte ich viele Seminare. Zusätzlich dozierte er an
der Abteilung für Sprachen. Und weil mir sein Unterrichtsstil
gefiel, habe ich angefangen, Deutsch zu lernen. Später wurde
ich dann Assistent unter Bahay an der Fakultät.
Herr Minister Zakzouk,
wie erhielten Sie ihr DAAD-Stipendium?
Damals hatte man als Student nur wenig Möglichkeiten. Aber
Professor Bahay gelang es mit Hilfe seiner Beziehungen, fünf
DAAD-Stipendienplätze an die Al-Azhar Universität zu bringen.
Wir Stipendienkandidaten wurden von Herrn Dr. Geisler geprüft,
dem damaligen Direktor der DAAD-Außenstelle, der das DAAD-Büro
1960 eröffnet hatte. Im Juli 1962 wurden wir fünf Stipendiaten
nach Deutschland geschickt.
Herr Minister, wie haben Sie die Anfänge Ihrer Studienzeit
in Deutschland erlebt?
Das erste Semester studierte ich in Marburg, aber ich fand,
dass das Studium dort zu eingeschränkt war - es wurde hauptsächlich
Kant gelehrt. Die Anfangszeit in Marburg war schwierig. Meine Kollegen
studierten alle Orientalistik an verschiedenen Universitäten
Deutschlands. Es schien, als ob die anderen vier Stipendiaten von
Beginn an wussten, was sie wollten und einen klaren Weg vor Augen
hatten. Doch bei mir war es anders. Ich hatte keinen bestimmten
Weg. Als ich dann nach München ging, änderte sich die
Studiensituation. In Marburg hatte ich nur zwei philosophische Richtungen
zur Auswahl gehabt, doch in München waren es gleich 20! Somit
dauerte es wieder eine gewisse Zeit, bis ich herausfand, was ich
wollte und probierte vieles aus. Ich fand schließlich auch
einen Professor, bei dem ich bis zu meiner Promotion in Philosophie
geblieben bin.
Welche
Unterschiede sind Ihnen während des Studiums in Deutschland
im Vergleich zu Ihrem Studium in Ägypten aufgefallen?
Am Anfang meiner Studienzeit in Deutschland hatte ich Schwierigkeiten,
mich an die akademische Freiheit zu gewöhnen. In Ägypten
war mein Studienweg vorgegeben, es gab feste Seminartermine und
einen festen Klausurtermin. In Deutschland war alles ganz anders.
Ich hatte ein Hauptfach und zwei Nebenfächer. Die einzige Pflicht
war, mindestens 12 Stunden in der Woche an Seminaren teilzunehmen,
doch es war mir freigestellt, welche Seminare ich belegte. Außerdem
bleibt es dem Studenten selbst überlassen, ob er zu Prüfungen
geht oder nicht. Wenn man sich reif fühlt, schreibt man eine
Klausur, wenn nicht, dann eben zu einem späteren Zeitpunkt.
In früheren Zeiten ging es übrigens in der Al-Azhar ähnlich
zu. Die akademische Freiheit hatte ursprünglich eine große
Tradition an der Al-Azhar Universität, jetzt leider nicht mehr.
Früher wurden Seminare in der Moschee abgehalten. Man hat sich
in einem Kreis, auf dem Boden sitzend, um den Lehrer versammelt.
Davon gab es viele. Wer also studieren wollte, wurde nicht gezwungen,
an einem bestimmten Kreis, zu einem bestimmten Thema teilzunehmen.
Vielmehr man musste sich ein Thema und einen Kreis selber aussuchen.
Die Studenten hatten somit die akademische Freiheit, jeglichen Kreis
besuchen und den für sie interessantesten auszuwählen
zu können. Ein spezielles Phänomen in der Al-Azhar war,
dass der Lehrer nicht stand, sondern auf einem Stuhl saß,
mit dem Rücken an eine Säule gelehnt. Er war also ein
"Lehrstuhlinhaber" und dieser Stuhl gehörte ihm,
und kein anderer durfte sich darauf setzten und dort lehren.
Was war das Thema Ihrer
Promotionsarbeit?
Die Doktorarbeit beendete ich im Juli 1968. Ich promovierte
bei Professor Reinhard Lauth mit dem Thema "Al-Ghazalis Grundlegung
der Philosophie. Mit einer Erörterung seines philosophischen
Grundansatzes im Vergleich zu Descartes". Dabei konzentrierte
ich mich darauf, die philosophische Methode bei Descartes und Al-Ghazali
darzustellen. Mein Professor sagte mir damals, dass er kein Arabisch
könne und aufgrund der vielen Übersetzungen einen Islamwissenschaftler
heranziehen müsse. Das war Herr Anton Spitaler. Von ihm wusste
ich, dass er sehr streng sein würde, denn ich hatte schon einige
Seminare bei ihm besucht. Innerhalb kurzer Zeit hatte Herr Spitaler
meine Arbeit gelesen und fragte mich dann, wie ich auf diese Idee
gekommen sei. Ich sagte ihm, dass ich von beiden Philosophen schon
vieles gelesen hätte und mich daher in der Lage sähe,
diesen Vergleich zu machen. Darauf sagte er: "Descartes hat
aber nicht von Al-Ghazali abgeschrieben." Ich sagte ihm, dass
diese Frage gar nicht Teil meiner Arbeit sei, weswegen ich sie auch
mit keinem Wort erwähnt habe. Mein Interesse lag lediglich
darin zu zeigen, dass beider Gedanken sehr ähnlich sind. Es
war eine typische Orientalistenfrage, die mich damals überhaupt
nicht beschäftigte.
Hatten
Sie das Gefühl, dass sich die Philosophen in Deutschland mit
der islamischen Welt beschäftigen oder sich für die islamische
Philosophie interessieren?
Nein, ich hatte nicht das Gefühl, dass sich die Philosophen
mit der islamischen Welt und ihrer Philosophie beschäftigen.
Aber viele Professoren, denen ich begegnete, zeigten Interesse daran.
Hierzu fällt mir noch eine kleine Anekdote ein, die das Verhältnis
zur islamischen Welt gut beschreibt. Zur Verlängerung meines
Stipendiums wurde ich jährlich von einer Professorenkommission
geprüft. Nach Beendigung der Prüfung fragte mich ein Professor:
,,Haben Sie das Gefühl, dass die Leute in Deutschland den Islam
gut verstehen?" Ich antwortete: ,,Eigentlich nicht." Diese
Antworte schockierte ihn offensichtlich. Dann fragte er mich: ,,Gut,
gibt es denn in Ägypten Ärzte oder Ingenieure, die schon
mal etwas von Kant gehört haben?" "Selten",
erwiderte ich, und damit war er beruhigt.
und die Orientalisten?
In München gab es gleich zwei orientalistische Seminare.
Zum einen das Seminar für Semitistik und Islamwissenschaft
und zum anderen das Seminar für die Geschichte des Vorderen
Orients. In diesem Seminar zur Geschichte war Kissling tätig.
Dort wurde Islamkunde betrieben, was eigentlich im Seminar für
Islamwissenschaft und Semitistik hätte stattfinden sollen.
Ich habe dort häufig Seminare besucht. Meistens wurden die
negativen Aspekte des Islams bearbeitet, z.B. Themen über abtrünnige
Sekten. So entstand bei mir der Eindruck, daß die Orientalisten
ein völlig falsches Bild vom Islam zeichnen. Aber das hat mich
nicht weiter gestört, denn jeder soll sagen, was er will. Sonst
würden am Ende alle dasselbe sagen.
Wie
wurden die politischen Ereignisse im Nahen Osten bei den Philosophen
gedeutet?
Während meiner Studienzeit belegte ich ein Seminar über
Kants Schrift "Zum ewigen Frieden". Bei der mündlichen
Prüfung musste ich darstellen, was ich von der Schrift "Zum
ewigen Frieden" verstanden hatte. Am Ende der Prüfung
sagte mein Professor zu mir: "Nach dem, was Sie mir soeben
erzählt haben, hat Nasser doch Unrecht, wenn er den Suez-Kanal
nationalisiert. Denn nach Kant muss sich, wie Sie eben selbst erwähnten,
jedes Land an internationale Verträge halten und darf sie nicht
brechen." Darauf hielt ich ihm entgegen, dass Nasser eben ein
Politiker, Kant jedoch Philosoph sei. Er erwiderte: ,,Nein, auch
Ägypten muss sich daran halten". Und ich sagte: ,,Gut,
mag sein".
Herr Professor Zakzouk,
Sie haben eben den Vergleich zwischen Kant als Philosophen und Nasser
als Politiker gezogen. Sie selbst sind Minister, sind Sie aber auch
Politiker?
Ja. Ein Ministerposten ist ein politischer Posten.
aber Sie sind
doch von Hause aus Philosoph?
Ich entdecke darin keinen Widerspruch. Bei Nasser war die Lage
etwas komplexer, er war Politiker und Revolutionär. Nasser
führte damals die Revolution an, und in einer Revolution sind
die Auffassungen darüber, wie man die Dinge gestaltet, etwas
anders.
Herr Zakzouk, was sind
die Aufgaben des Auqafministeriums?
Die Bezeichnung Auqafministerium ist nicht präzise. Das
Gebäude, in dem wir uns befinden, hat den traditionellen Namen
"Auqaf". Deswegen hat man den Namen einfach für das
gesamte Ministerium beibehalten. Aber Auqaf, also die religiösen
Stiftungen, ist nur ein Teil des Geschäftsbereichs des Ministeriums.
Es gibt insgesamt drei große Aufgabenbereiche. Der größte
ist der der Moscheen. Das Auqafministerium hat bis jetzt 50.000
Moscheen und 10.000 Zawias (kleinere Moscheen) zu betreuen. Als
ich das Amt übernommen hatte, habe ich einen Plan ausgearbeitet,
der vorsieht, alle Moscheen und Zawias in Ägypten unter die
Kontrolle des Auqafministeriums zu bringen. Innerhalb meiner vierjährigen
Amtszeit habe ich schon 20.000 Moscheen und 10.000 Zawias übernommen.
Von
wem übernommen?
Diese Moscheen waren privat, das bedeutet, dass man in den Moscheen
machen konnte, was man wollte. In solchen privaten Moscheen konnten
Fanatiker ihre Ideen verbreiten und für ihre Zwecke ausnutzen.
Deswegen war es das Ziel, alle Moscheen unter die Kontrolle des
Ministeriums zu bringen. Das heißt aber auch, dass das Ministerium
alle anfallenden Kosten für die Moscheen übernehmen muss.
Wir bezahlen die Arbeiter, den Imam, Renovierungsarbeiten usw. Das
kostet zwar sehr viel, aber es ist wichtig und notwendig.
Warum ist es notwendig?
Hier in Ägypten sind die Menschen von Natur aus religiös.
Sie sollen nicht von Fanatikern in falsche Bahnen gelenkt werden.
Durch die Übernahme der Moscheen wollen wir den Fanatikern
den Boden entziehen, damit diese nicht falsche Auffassungen über
die Religion in der Bevölkerung verbreiten. Der Islam ist keine
Religion der Streitereien, der Verbrechen oder der Gewalttätigkeiten.
Vielmehr wurde uns der Koran von Allah geschickt, damit die Menschen
Barmherzigkeit erfahren. Der zweite Aufgabenbereich liegt im Höchsten
Rat für islamische Angelegenheiten. Dieser ist im Grunde genommen
eine wissenschaftliche Institution und wird aus verschiedenen Ausschüssen
gebildet. Die Ausschüsse beschäftigen sich mit verschiedenen
islamischen Fragestellungen und Wissenschaften. Der Höchste
Rat für islamische Angelegenheiten hat noch weitere Aufgaben.
Er veranstaltet Seminare wie die jährliche "Internationale
Islamische Tagung" und gibt Bücher heraus. Es wurde jetzt
ein großer Plan für eine Enzyklopädie entworfen.
Diese enzyklopädische Serie läuft unter dem Namen "Die
Enzyklopädie der islamischen Begriffe". Jeder Band wird
unter einem Oberbegriff aus dem Islam erscheinen, ein Band über
das islamisches Recht, einer über die Mystik usw. Wir wollen
in den nächsten drei Jahren die Bände erstellt haben.
Außerdem wurde in den letzten Jahren der Koran ins Englische,
Französische, Deutsche und Russische übersetzt. Demnächst
soll er auch auf Spanisch erscheinen.
Nun fehlt noch die dritte
Komponente des Ministeriums
Der dritte Bereich ist der Auqafsektor, die religiösen
Stiftungen, ein wichtiges Element unseres Ministeriums. Es handelt
sich um ein System, in dem das Ministerium diverse Stiftungen verwaltet.
Ländereien, Häuser, Schulen, Anteile an verschiedenen
Banken und Gesellschaften stehen dabei unter der Aufsicht des Ministeriums.
Wir führen die Stiftungen dem Zweck zu, den der Stifter bestimmt
hat. Dazu gibt es einen Grundsatz, an den sich das Ministerium halten
muss, nämlich dass der vom Stifter bestimmte Zweck wie ein
Gesetzestext behandelt werden muss. Somit haben wir die Aufgabe
zu kontrollieren, dass der in den Stifterdokumenten festgelegte
Wunsch befolgt wird. Es gibt über eine Million solcher Dokumente,
und wir müssen uns an jedes einzelne halten. Es gibt Stiftungen
für Moscheen, Krankenhäuser, Schulen, arme Leute, Studenten
usw. Doch das Ministerium wird vom Staat finanziert, und die Stiftungen
sind ein Teil für sich, der Staat hat nichts damit zu tun.
Wenn man diesen Aufgabenbereich
überblickt, dann gibt es kein wirklich vergleichbares deutsches
Ministerium....
Nein, das gibt es nicht, in europäischen Ländern existiert
das gar nicht. Aber in Deutschland werden auch einige religiöse
Angelegenheiten vom Staat geregelt, beispielsweise die Kirchensteuer.
Doch wir haben so etwas natürlich nicht. Wir dürfen keine
Moscheesteuern erheben. Die Zakat, welche Pflicht im Islam ist,
wird von den Leuten freiwillig gezahlt und jeder kontrolliert sich
selbst.
Herr Minister, wenn
Sie die Möglichkeit hätten, in Deutschland ein Ministerium
zu bekleiden, welches würden Sie auswählen?
Das ist eine sehr schwierige Frage, das kann ich gar nicht sagen,
denn so ein Amt wählt man nicht. Auch als ich meinen Posten
erhielt, war ich sehr überrascht, dass ich in dieses Amt berufen
wurde.
Was wünschen Sie
dem DAAD Kairo zum vierzigjährigen Jubiläum?
Ich finde, der DAAD nimmt eine sehr wichtige Rolle ein. Beziehungen
zwischen Ländern sollten nicht nur auf wirtschaftlichen Interessen
basieren, sondern durch kulturelle Annäherung ihre Grundlage
finden. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Arbeit des DAAD herausragend.
Er vertieft die Beziehungen zwischen den Ländern auf kultureller
Ebene. Er hilft Anderes und Andere kennen zulernen, wodurch viele
Vorurteile abgebaut werden. Damit wird gleichzeitig die Grundlage
geschaffen für weitere politische, wirtschaftliche und soziale
Beziehungen. Eine überaus wichtige Aufgabe, und ich kann nur
sagen 'Weiter so'. Denn die Menschen müssen lernen, einander
zu verstehen!

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