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Die
Entbergung des Mythos
durch den Langzeitdozenten Diplom-Architekt Wolfgang Mayer
Zum Jahrtausendwechsel hat an den Pyramiden
von Giza eine große Milleniumsschau stattgefunden. Es war
ein Rückblick auf die sieben Jahrtausende umfassende Kultur
in Ägypten und eine Betrachtung der heute noch erhaltenen Kunstschätze
und Denkmäler dieser Zeit. Schaut man in die Zukunft eines
neuen Jahrtausends und will seiner großen Vergangenheit eine
Zukunft geben, so müssen diese Kunstschätze, diese Kulturdenkmale
erhalten werden - eine Aufgabe, die schon mit den Pharaonen begonnen
wurde, denkt man zum Beispiel an die zahlreichen Restaurierungen,
welche allein an der Sphinx durchgeführt wurden.
Heute sind die Denkmäler Ägyptens
im Blickpunkt der ganzen Welt. Waren es in der Antike und dem 18.
und 19. Jahrhundert nur vereinzelte Reisende und Forscher, die ins
Land kamen, so sind es heute mehrere Millionen Touristen, welche
jährlich die Denkmäler besuchen. Wenn man dann bedenkt,
dass durch die große Zahl von Besuchern zum Beispiel die Luftfeuchtigkeit
in der Königskammer der Cheops-Pyramide auf 85 % gestiegen
ist oder dass jeder Tourist, der die Königsgräber in Luxor
besucht, in diesen einmalig ausgemalten Räumen circa 20 Gramm
Wasser ausscheidet, so verwundert es nicht, wenn heute Experten
wie der Direktor des Giza Plateaus, Dr. Zahi Hawaß, vorhersagen,
dass in 100 Jahren die Mehrzahl der ägyptischen Denkmäler
zerstört sein werden - durch aufsteigendes Grundwasser und
den damit verbundenen Salzausblühungen, durch ein kaputtes
Kanalisationssystem, durch Naturkatastrophen oder durch den Tourismus.
Und es sind nicht nur die Denkmäler im Niltal und in den Oasen,
die akut gefährdet sind, auch die Zeugnisse zehntausend Jahre
alter Siedlungskultur in der Wüste sind heute durch "Off-road"-Tourismus
gefährdet.
Ägypten ist das Land mit den meisten
Kulturschätzen dieser Welt. Doch mit der Aufgabe, diese Kulturgüter
zu erhalten, ist Ägypten, das einen Bevölkerungszuwachs
von einer Million Menschen alle 8 Monate aufweist und wo jährlich
500 000 junge Arbeitskräfte neu auf den Arbeitsmarkt drängen,
meiner Meinung nach überfordert. Allerdings könnte auch
kein anderes Land dieser Welt allein diese Aufgabe bewältigen!
Und so ist es die Pflicht aller Nationen, die 1972 bei der 17. Generalkonferenz
der UNESCO in Paris die Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes
der Welt unterzeichnet haben, mitzuhelfen, dass dieses Weltkulturerbe
erhalten bleibt. Denn zieht man in Betracht, dass seit über
200 Jahren archäologische Missionen aus aller Welt nach Ägypten
kommen, bei Ausgrabungen die Geschichte des Landes erforschen und
eine große Zahl ägyptischer Kunstschätze in die
Museen ihrer Heimatländer bringen, bedingt das auch die Pflicht,
dieser Nation bei der Erhaltung der zumeist von den Ägyptern
selbst ausgegrabenen Denkmäler zu helfen.
Die Bundesrepublik Deutschland ist seit
1907 durch das Deutsche Archäologische Institut, Außenstelle
Kairo, in Ägypten permanent als wissenschaftliche Institution
vertreten, und seit dieser Zeit werden neben den Ausgrabungen auch
Restaurierungsmaßnahmen durchgeführt. Diese Arbeiten
erfolgen in enger Zusammenarbeit mit der Antikenverwaltung, dem
heutigen "Supreme Council of Antiquities". Viele Mitarbeiter
dieser neben den Universitäten wichtigen Institution waren
Stipendiaten des DAAD, die bei ihrem Aufenthalt in Deutschland neben
ihrer wissenschaftlichen Arbeit als Ägyptologen oftmals Restaurierungsmaßnahmen
kennen gelernt haben, die heute bei anstehenden Projekten als Maßstab
gelten.
Neben der Aus- und Fortbildung junger Wissenschaftler
in Deutschland hat der DAAD in den vergangenen Jahren durch zwei
Langzeitdozenturen an der Archäologischen Fakultät, der
Restaurierungsabteilung der Universität Kairo, einen wichtigen
Beitrag zur Erhaltung der wertvollen Baudenkmale wie auch der Kunstschätze
in den Museen geleistet.
Seit 1. Februar 1998 bin ich als Langzeitdozent
an der Universität Kairo tätig. Für mich ist dies
eine wunderschöne Abrundung einer Tätigkeit in Ägypten,
die vor 30 Jahren als Student begann, als ich bei Ausgrabungen des
Deutschen Archäologischen Instituts mitgearbeitet habe. Nach
dem Studium und mehren wissenschaftlichen Aufenthalten in Ägypten
war ich dann zwischen 1977 und 1981 durchgehend in Aswan - Elephantine
tätig, wo ich unter anderem einen Tempel der 18. Dynastie wiederaufgebaut
habe. In dieser Zeit haben meine Frau und die in dieser Zeit geborenen
Kinder die Liebe zu Ägypten entwickelt, so dass ich bei ihnen
immer Verständnis fand, wenn ich in den folgenden Jahren regelmäßig
in meinem Urlaub für Arbeiten nach Ägypten reiste.
Mit meiner Erfahrung als Hauptkonservator
der Denkmalpflege in Deutschland möchte ich nun in meinen Jahren
als Langzeitdozent hier in Ägypten bei der Ausbildung von jungen
Archäologen, Architekten und Restauratoren wie auch in der
praktischen Denkmalpflege, das heißt der Restaurierung von
Denkmälern der pharaonischen, christlichen und islamischen
Zeit, einen Beitrag leisten zur Rettung und Erhaltung der ägyptischen
Denkmäler. Dies ist nicht immer einfach, aber meine lange "Landeserfahrung"
wie auch vielen Freundschaften, die ich im Laufe der Jahre geschlossen
hatte, helfen dann doch immer wieder über so manche Hürde.
Ein besonderer Schwerpunkt in meiner Lehrtätigkeit
ist die Verbindung von Theorie und Praxis, was bei dem Berufsfeld
der Archäologen, Architekten und Restauratoren aus meiner Sicht
sehr wichtig ist. So bin ich mit manchmal über 100!!! Studenten
und Studentinnen auf Exkursion in der Altstadt oder an den Pyramiden,
in Sakkara oder Dashur. Diese Exkursionen finden wöchentlich
statt und haben bei den Studenten großen Anklang gefunden.
In den Vorlesungen stelle ich aktuelle
Beispiele aus Ägypten wie auch Restaurierungsprojekte aus Deutschland
und dem Mittelmeerraum vor, um so mit den Studenten die "Tagesthemen"
zu diskutieren. Eines meiner wichtigsten Ziele ist - neben der fachlichen
Ausbildung zum Restaurator und Archäologen -, den Studenten
den fächerübergreifenden Bezug ihrer späteren Tätigkeit
darzustellen. Aus diesem Grund halte ich so oft wie möglich
Vorträge an den verschiedenen Universitäten in Kairo und
habe Seminare an deren Architekturfakultäten durchgeführt.
Gerade für die Architekten ist es wichtig, ein Verständnis
für das Denkmal, für den Altbau zu bekommen, denn ein
großer Teil der kommenden architektonischen Aufgaben wird
die Umnutzung und Restaurierung des Altbaus sein - neben dem Neubau
im historischen Kontext. Zu diesem Themenentwurf habe ich im Studienjahr
1998/99 an der Suez-Kanal Universität Port Said 16 Diplomarbeiten
betreut.
So, damit wäre doch die Woche ausgefüllt
- doch nein, durch meine langjährige Verbindung mit dem Deutschen
Archäologischen Institut Kairo bin ich für meine Kollegen
dort der Ansprechpartner für Restaurierungen. So habe ich im
Winter 1999/2000 ein Restaurierungsprojekt und eine Ausgrabung an
der Madrasa an-Nasir Muhammad betreut. Bei dieser praktischen Tätigkeit
wurden von mir so weit als möglich Studenten der Universität
mit eingebunden, was bisher in Ägypten recht selten ist, nämlich
die praktische Tätigkeit von Student und Lehrperson nebeneinander.
Die Studenten waren begeistert, und wir hoffen, dies auch in den
kommenden Jahren fortzusetzen.
Ja, und was macht dann so ein Langzeitdozent
noch?
Er führt die politische Prominenz
aus Deutschland durch die Altstadt und die pharaonischen Denkmäler
rund um Kairo. Und politische Prominenz kommt immer nach Kairo:
Bundespräsident Rau, Bundestagspräsident Thierse, Bundesminister
des Auswärtigen Fischer, Bundesministerin für wirtschaftliche
Zusammenarbeit Wieczorek-Zeul und neben einigen Bundestags-abgeordneten,
Ministern der verschiedensten Bundesländer und Oberbürgermeistern
wichtiger Städte, "last but not least" der Präsident
des DAAD, Professor Dr. Berchem.
Und wenn dann noch Zeit bleibt, dann schreibt
man Fachartikel oder viele "wichtige" Briefe an die DAAD-Zentrale
in Bonn!
Aber all dies macht Spaß. Man sieht
Ergebnisse und freut sich, wenn man ehemalige Studenten "vor
Ort" bei Ausgrabungen oder Restaurierungen wieder trifft und
von ihnen freudig umarmt wird. Ich freue mich auf die noch anstehenden
Jahre als Langzeitdozent hier in Ägypten.
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